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Selberfahrten - Erlebnisberichte



Das Rennen Trondheim–Oslo 2016

Das norwegische Rennen „Styrkeprøven“ feierte diesen Juni seinen 50. Geburtstag. Wieder waren 6000 Teilnehmer in Trondheim am Start für die verschiedenen Strecken. Klaus Bartelt aus Kiel befand sich unter ihnen und nahm die Königsdistanz unter die Räder: alle 540 Kilometer bis Oslo. Hier gibt er uns Einblick in das Logbuch seiner Ein-Mann-30-Stunden-Gruppe, in die „Trondheim-Oslo-Protokolle“, wie wir sie nennen könnten.

 



Auszüge aus dem Logbuch

Freitag, 17.6.2016 gegen 22:00 Uhr

Es ist ein kühler Abend in Trondheim, und zu viele Klamotten beim Fahren sind nicht gut. Schiebe mich also fröstelnd durch eine unübersichtliche Menge von Leuten mit Fahrrädern, die aber offensichtlich gar nicht alle starten wollen. Plötzlich geht´s nicht mehr weiter.

 

Km 0

Ich stehe in der ersten Startreihe (!) der ersten Startgruppe bei Trondheim-Oslo! Ist das wohl der richtige Platz für Rookies?! Ich habe Zweifel. Gunnar neben mir redet mit Fans, Fahrern, Fotografen. Ich halte lieber die Klappe. Oha, es geht los.

 

Km 0,5

Das erste knappe Dutzend Teilnehmer fährt die Straße geradeaus weiter, obwohl es an der allerersten Kreuzung links geht. Da steht doch einer und winkt mit beiden Armen. Ich komme grad noch rum und nehme mir vor, erst einmal nicht allein zu fahren. Mich in Trondheim verfahren und nach 30 Minuten wieder am Start sein, das fehlt mir noch.

 

Km 10

Es hat sich eine Gruppe gebildet, an die ich mich anhänge. Sie ist vermutlich etwas schnell für mich, aber sie macht Spaß. Und am Anfang will man ja gern was wegschaffen. Ich bleibe bis Soknedal drin.

 

Km 61

Versorgungsstation Soknedal. Sandwich schmeckt, und ich fühle mich gut. Aber nun geht‘s allein weiter, die Gruppengeschwindigkeit ist mir zu hoch. Ich werde dafür zahlen müssen. Je nun. Es wird dunkel.

 

Km 105

Station Oppdalsporten. Die komfortabelste der Pausenstationen, unter Dach, geheizt, und da haben sie sogar Teebeutel. Und Milch. Und Zucker. Das wird es nicht wieder geben, aber das weiß ich noch nicht. Und dann fragt mich (mich!) der große Claus Czychol (mein Vorbild-Randonneur, seit ich in den Neunzigern drei Brevets mit ihm gefahren bin), wo ich den Teebeutel denn her habe. Kann ich ihm auch mal etwas zeigen!

 





Fjell - Hardangervidda

Km 160 ca.

Die hohen Talwände treten zurück. Es wird hell. Es wird flach. Es wird saukalt! Das muss das Fjell sein. Bisher hat der Wind geschoben, jetzt dreht er auf seitlich und von vorn. Ich fahre noch mit kurzen Handschuhen, Windweste und -jacke, Knielingen. Wenn ich jetzt anhalte, um mehr anzuziehen, friere ich im Stand ein, bevor ich fertig bin. Später höre ich, es seien 2 °C gewesen. Ich glaube es. Jedenfalls bleibe ich im Sattel und verpasse konsequent auch den Beginn der Abfahrt, an dem ich mir unbedingt noch etwas überziehen wollte. Die Fahrt wird immer schneller, immer kälter. Als rasender Eiszapfen rausche ich in Dombas ein.

 






Km 191

Station Dombas. Wie ich mit den klammen Händen die Fuhre eingebremst habe, weiß ich nicht mehr. Der Stopp ist eine Enttäuschung: Fleischsuppe, schwarzer Kaffee, eine Warmluftkanone im zugigen Zelt, ein paar Bierzeltbänke. Ich hatte mindestens deckenbeladene Rotkreuzhelfer(innen) erwartet, die halb erfrorene Fahrer mit Thermoskannen voller Tee verwöhnen.

Nichts da. Also ziehe ich schnell alles an, was ich dabei habe (zweites Trikot, Regenjacke, lange Handschuhe, Überschuhe) und rolle weiter. Warm werde ich erst 50-60 km später.

 

Km 230 ca

Ich bin nun immer häufiger völlig allein auf der Straße. Die Schnelleren aus der Freitagabend-Startgruppe sind sicher weit vorne weg, der Rest ist auseinander gezogen. Nun kommen die Rekordgruppen von hinten herangejagt, Startzeit 3:30 Uhr oder so, angekündigt durch Polizeimotorräder. Die Rennfahrer sehen schon etwas geschafft aus. Jede Wette, das war die Kälte auf dem Fjell. Ich bin auch ziemlich fertig, und noch ist nicht mal die Hälfte gefahren.

 

Km 262

Station Kvam. Ja, es gibt nur schwarzen Kaffee, ich weiß. Aber immerhin Gemüsesuppe, die ist lecker. Und „gule Saft“, was auch immer das ist. Es passt in die Flasche, und von nun an habe ich vorne gule Saft und hinten Vatten drin. Neben dem Rotkreuzzelt steht ein Autoanhänger in der Sonne, hölzerne Ladefläche, kleine Bordwand, keine Plane. Das ideale Bett! Ich frage, ob ich darf – aber ja, und hier hätte ich eine Decke zum Drunterlegen. Kaum bin ich seufzend aufs Lager gesunken, deckt mich der nette Rotkreuzler auch noch mit einer zweiten Decke zu. Sekunden später bin ich im siebten Himmel zu Besuch.

Aber nur 15 Minuten, dann bin ich wieder frisch. Zumindest im Kopf, aber auf den kommt´s doch an. Weiter geht´s.

 

Km 300 ca.

Es ist nun so warm, dass ich kurz-kurz fahren und die Windweste ausziehen kann. Und damit der Welt endlich mein schönes Heinemann-Trikot präsentiere. Das lohnt sich, denn eine Weile später rauscht mal wieder von hinten eine Speed-Gruppe heran. Plötzlich lautes Geschrei: „He, Klaus, hallo!“ Die 16-Stunden-Flitzer sind da! Und ihr eigenes Trikot erkennen die sogar mit Tunnelblick. Ein wunderschönes Wiedersehen. Gern würde ich behaupten, dass ich mich für zehn Minuten davor gespannt hätte, aber es gibt zu viele Zeugen für die Wahrheit: Ich beschleunige soweit, dass sie mich kurz in die Mitte nehmen; Marbod legt mir die Hand ins Kreuz und wir wechseln ein paar aufmunternde Worte. Dann gleite ich vorsichtig rechts raus, wir wollen hier keine Risiken eingehen. Mit meinen besten Wünschen verschwindet der Trupp in Richtung Oslo. Ich hechle hinterher, ein kleine Träne im Knopfloch.

 

Km 306

Station Kvitfjelltunet. Eine sehr lobenswerte Station. Es gibt Blumenkohlsuppe. Ein richtiges Klo. Und schwarzen Kaffee, klar. Als ich grad wieder los will, kommt Helmut rein. Ich empfehle ihm ein Nickerchen und die Suppe. Er lässt sich überreden und bereut es nicht. Weiter geht´s. Einsames Fahren, Stunde um Stunde. So langsam kann ich nur noch die Beine fallen lassen, mehr Druck krieg ich nicht mehr auf die Pedale.

 

Km 378

Station Biri. Es gibt Erbsensuppe. Sie schmeckt zwar, aber ich stehe Hülsenfrüchten aus abgastechnischen Gründen kritisch gegenüber. Die nächsten 100 km werden das bestätigen. Ich mache noch ein Nickerchen, diesmal auf einer der bereitstehenden Liegen. Sehr komfortabel.

In eines der dort aufgestellten Pissoirs hat jemand hineingekotzt. Ich finde, man kann es mit der Reisegeschwindigkeit auch übertreiben – so viel Zeit, den Kopf zur Seite zu drehen, sollte doch wohl sein.

 

Km 428

Station Totenvika. Hübsche Aussicht über den See. Es wird jetzt Abend und auch wieder kühl. Kurz schließe ich mich einer Gruppe an, mit der ich durch einen Tunnel brettere. Aber bald kann ich den Anschluss nicht mehr halten und bin wieder allein unterwegs. Oder nicht? Ich bilde mir ein, dass mich jemand überholt, aber es kommt niemand vorbei. Geträumt also. In der aufkommenden Dunkelheit höre ich dann etwas später jemanden hinter mir leicht schnaufen. Aha, da hat sich also doch einer angeschlichen und hängt jetzt bei mir dran. Na, warum nicht? Ich kurbele gleichmäßig weiter. Nach zehn Minuten finde ich, er könnte ja auch mal guten Tag sagen, aber hej – bin ich für seine Kinderstube verantwortlich? Ein paar Minuten weiter arbeite ich mich langsam einen Anstieg hinauf und will dann doch einen Blick auf ihn werfen. Es ist ja nicht leicht, sich im Wiegetritt umzudrehen, wenn man schon 400 km in den Knochen hat. Dennoch, ich tu´s. Und dann ist da nichts. Niemand. Nur die nordische Dämmerung. Mir stellen sich leicht die Nackenhaare auf. Hab´ den doch eben noch gehört. Nochmal umdrehen. Ich sehe die ansteigende Straße über mehrere Hundert Meter ein, und sehe - nichts. Sollte ich Schnecke gerade jemanden abgehängt haben? Am Berg? Oder musste der grad jetzt mal pinkeln? Mir ist die Sache leicht unheimlich, aber was soll´s. Halluzinationen vielleicht.

Endlich folgt die Abfahrt. Unten kommt ein Kreisverkehr, geradeaus zu überqueren. Als ich näher komme, springt jemand auf und greift seine Fahne, jemand anders steht auf der anderen Seite, zwei dünne Stimmen rufen „Heja, heja…“ und schon bin ich vorbei. Aber dann, ich bin nur wenig weiter, höre ich die dünnen Stimmen wieder: „Heja, heja“. Ha! Ich drehe mich um. Und da ist er dann, der Geisterfahrer. Fährt ohne Frontlicht, der Schurke, deshalb kaum zu sehen. Danke, ihr lieben Fahnenschwenker, ich habe doch noch keine Hallus. Irgendwann später überholt er mich. Wortlos, klar.

 

Km 465

Station Stensby Sykehus; rein rechnerisch ist die Sache jetzt geritzt. 100 gehen ja bekanntlich immer noch. Außerdem gibt es Rhabarbersuppe, und die ist lecker. Belebend.

 

Km 475

Meine Füße frieren ein. Ich halte an und zerre die schönen Teamüberschuhe wieder drüber, die mich schon oben hinter Dombas gerettet haben.

Ich treffe jemanden auf einem Achtzigerjahre-Nishiki-Renner, in tollsten psychedelischen Bonbonfarben lackiert. Ich bin begeistert und fahre mit Jan, einem Finnen meines Alters, zusammen weiter durch die Nacht. Er ist ganz froh, einen „Hasen“ gefunden zu haben, der ihm hilft, über die Hügel zu kommen. Irgendwann äußert er dann, dass es ja nett wäre, wenn wir unter 30 Stunden blieben. Gut, an mir soll´s nicht liegen.

 

Km 502

Station Klofta. Lauwarmer schwarzer Kaffee, aber auch egal. Jetzt geht es auf die letzten 40 Kilometer, wer wird da wählerisch sein. Oslo leuchtet hinter den Bergen, ein Morgen erhebt sich, wie ihn Cat Stevens nicht hätte schöner besingen können, inklusive Vogelgezwitscher. Romantisch ohne Ende. Aber dann kommen diese gemeinen letzten Anstiege, jeder einzelne ebenfalls ohne Ende (gefühlt jedenfalls), von denen man zu Recht schreckliche Dinge hört. Der volle Mond verzieht sich hinter immer dichter werdenden Wolken. Bald beginnt es zu regnen. Who cares, wenn die Duschen hinter der nächsten Kurve warten. Tun sie aber nicht, die E6 zieht sich und zieht sich. Und steigt und steigt. Aber irgendwann geht’s wieder auf´s vorletzte Ritzel, auf´s drittletzte, bin ich oben. Im nassen, dunklen Niemandsland von Oslos Autobahnen. Nochmal ein bisschen beschleunigen. Jan bleibt brav dran, und schließlich gehen wir gemeinsam durch die Zeiterfassung im Ziel, fast 20 Minuten unter 30 Stunden. Na also.

 

Km 540

Da sind noch ein paar Leute wach, die uns unsere Medaillen umhängen. Schön, aber auch etwas unwirklich, das alles. Wo bin ich hier und warum nochmal? Aber nein, dies ist nicht die Zeit zum Grübeln. Erstmal das Rad abstellen und einen Liegeplatz finden. Gepäck abholen, trockene Klamotten raussuchen, Schlafsack ausrollen. Alles mit 10% Gehirnleistung, wohlwollend geschätzt. Und dann: Duschen in Walhalla (so heißt die große Halle, die das Ziel dieser Reise ist). Ungefähr so muss es sich anfühlen, wenn man nach Paris–Roubaix unter den berühmten Duschen in den Katakomben des Velodroms wieder zu sich kommt und schaut, was von einem noch so übrig ist. Och, da vorn hängt sogar ein Spiegel. Ob man da mal reingucken sollte? Oder besser nicht? Ich verliere den Gedanken aus dem Sinn und trolle mich Richtung Schlafsack und tauche ab. – Plötzlich steht Gunnar neben meinem Liegeplatz und schaut auf mich herab. „He, Klaus!“ Umarmung und gegenseitiges Schulterklopfen, und auf einmal spüre ich echte Erleichterung. Geschafft, wirklich geschafft! Und Helmut, sehe ich gerade, ist auch im Ziel. Perfekt!

 



Text Klaus Bartelt, Fotos Monika


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